Out of the Box, Folge II: „Schiedsrichter sind anders als wir!“

B42

28.10.2021 Lesezeit: 3 min

Im Sommer habe ich mich nach einem Spiel mit unserer Ü32-Mannschaft (bitte, nennt uns nicht mehr „Alte Herren“!) mit dem Schiedsrichter der Partie unterhalten. Mit Anfang 20, so sagte er mir, sei es für ihn wirklich nicht einfach, sich auf dem Platz gegen einen 40-Jährigen zu behaupten. Mir war klar, auf welche Szene er sich bezog: Ein gegnerischer Spieler hatte ihn nach einer Entscheidung heftig angefahren. „Von einem, der halb so alt ist wie ich, lass ich mir gar nix sagen!“, schrie er ihn an. Der junge Schiedsrichter berichtete mir im Gespräch von weiteren negativen Erfahrungen in der jüngeren Vergangenheit, auf und neben dem Platz. Er tat mir leid. Ich weiß nicht, ob er der Schiedsrichterei aktuell noch nachgeht. 

Sollte er aufgehört haben, würde er zu einem besorgniserregenden statistischen Trend beitragen: Zur Saison 2016/17 gab es noch 59 022 aktive Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter in Deutschland, in der Spielzeit 2020/21 waren es nur noch 44 821. Das entspricht einem Rückgang von rund 24 Prozent. Der deutsche Fußball hat also in den vergangenen vier Jahren rund ein Viertel seiner Schiedsrichtenden verloren – eine traurige Zahl, wenn man bedenkt, dass Fußball ohne jemanden, der sich um die Einhaltung der Regeln kümmert, nicht funktioniert (ähnlich dürfte wohl auch eine Gesellschaft ohne Polizeibeamte nicht funktionieren). 

Der alarmierende Schiedsrichtermangel ist sicherlich nicht nur auf fehlenden Respekt und ein rauer gewordenes Klima auf den Fußballplätzen zurückzuführen – aber doch zu einem gewissen Teil: „Ich habe einfach keine Lust und Kraft mehr, mich den wöchentlichen Beschimpfungen und Beleidigungen von Spielern, Trainern und Zuschauern auszusetzen. Auf Deutsch gesagt: Es kotzte mich nur noch an.“ So begründete Thomas Göhr vom brandenburgischen Amateurklub SC Eintracht Miersdorf/Zeuthen kürzlich gegenüber dem Sportbuzzer seinen Rückzug von der Schiedsrichterei. Der Artikel ging viral, wurde hunderte Male kommentiert – wobei die verständnisvollen Kommentare deutlich in der Überzahl waren. 

Auch die Forschung belegt die schwierige Situation der Männer und Frauen an der Pfeife: Rund 40 Prozent der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sind schon mal Opfer von Bedrohungen geworden, knapp jede bzw. jeder fünfte wurde bereits tätlich angegriffen. Das zeigen Daten einer großangelegten Befragung, durchgeführt von der Tübinger Soziologin Thaya Vester. Sie war in der letzten Ausgabe der von mir organisierten Diskussionsreihe Mikrokosmos Amateurfußball zu Gast (hier eine Aufzeichnung der Veranstaltung) und machte dort klar, wie dramatisch die Lage im deutschen Schiedsrichterwesen ist. Manche ihrer Aussagen („Gewalt im Fußball ist eigentlich fast gleichzusetzen mit Gewalt gegenüber Schiedsrichtern“) haben sicherlich Eindruck bei den Zuschauenden hinterlassen – es waren nur viel zu wenige. 

Die Beispiele und Zahlen, von denen ich hier berichte, sind am Ende des Tages zu vielen Fußballspielenden in Deutschland nicht bekannt. Und das ist Teil des Problems: Es hat mehr Aufmerksamkeit verdient! Medienberichte über Schiedsrichterrücktritte oder öffentlichkeitswirksame Aktionen von offizieller Seite sind daher Gold wert. So hat beispielsweise der Kreisfußballverband Westküste in Schleswig-Holstein Ende September ein Kreisligaspiel von drei Ü70-Schiedsrichtern leiten lassen, um auf den Schiedsrichtermangel hinzuweisen.

Zum anderen braucht es Veränderungen in der Amateurfußball-Kultur – damit Schiedsrichtende erst gar nicht in die beschriebenen unangenehmen Situationen kommen und in der Konsequenz irgendwann die Lust am Pfeifen verlieren. Dieser kulturelle Wandel ist vermutlich deutlich schwieriger herbeizuführen. Im Amateurfußball ist der mangelnde Respekt gegenüber Spielleitenden tief verwurzelt, wird von Generation zu Generation weitergegeben. Ich erinnere mich an einen Trainer, den ich fußballerisch wie fachlich durchaus geschätzt habe, der uns nahezu vor jedem Spiel in der Kabinenansprache mitgab, dass wir den Schiedsrichter doch bitteschön in Ruhe lassen sollten – aber nicht aus Respekt. Er sagte: „Die sind anders als wir. Die können kein Fußball spielen, die verstehen uns und diesen Sport gar nicht.“ 

Ich habe das damals schon irgendwie verinnerlicht und bin mit dieser Einstellung viele Jahre auf dem Platz unterwegs gewesen, ähnlich wie vermutlich zahlreiche meiner Mitspieler. Heute weiß ich: Selbst wenn ein Schiedsrichter deshalb Schiedsrichter geworden ist, weil ihm das Talent für das Fußballspielen gefehlt hat, macht er seinen Job, weil er diesen Sport genauso liebt wie ich. Deshalb möchte er Teil des Spiels sein – und zwar ein unverzichtbarer: Ohne ihn können wir unseren Lieblingssport nicht ausüben. 

Ganz zu schweigen davon, dass ein respektvoller Umgang ganz allgemein eine Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Miteinander ist, sollten Fußballspielende sich vielleicht genau diesen Fakt in Erinnerung rufen, wenn sie das nächste Mal kurz davor sind, den Spielleiter anzugehen: Es könnte dieser respektlose Kommentar sein, der das Fass zum Überlaufen bringt und dafür sorgt, dass das aktuelle Spiel das letzte ist, das er pfeift.

Tim Frohwein, Jahrgang 1983, ist Soziologe und setzt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich und journalistisch mit dem Amateurfußball auseinander.

Er unterrichtet an der Hochschule München, ist Redaktionsmitglied beim Zeitspiel-Magazin und organisiert die Veranstaltungsreihe Mikrokosmos Amateurfußball.

Seit bald zwanzig Jahren spielt er in den Herrenmannschaften des FC Dreistern München

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