Julia Simic - Der Fußball ist mein Leben

B42

05.11.2021 Lesezeit: 3 min

Eine Frage habe ich mir dabei immer wieder gestellt: Wer bin ich eigentlich ohne den Fußball? Jetzt ist die Zeit, zurückzublicken, zu reflektieren, was ich in all diesen Jahren erlebt und gelernt habe, was ich anderen mitgeben kann und welche neuen Ziele ich mir stecke.

Wer bin ich ohne den Fußball?

Wenn ich heute nach den Highlights meiner Karriere gefragt werde, ist meine Antwort wahrscheinlich unerwartet. Es waren großartige Momente mit dabei, wie das Champions-League-Finale, der Europameistertitel mit der Jugend-Nationalmannschaft sowie die Deutsche Meisterschaft oder Pokalsiege. Ehrlicherweise waren es aber die Comebacks nach langen Verletzungspausen, die ich als noch emotionaler in Erinnerung behalten werde. Vor deinen Mitspielerinnen, dem Trainer- und Betreuerteam und allen, die dich in dieser schweren Zeit begleitet haben, eingewechselt zu werden und wieder auf dem Platz zu stehen ist ein unglaubliches Gefühl. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Die Emotionen, wenn du wieder spielen darfst, wenn du dich über Monate oder über ein Jahr durchgebissen hast, sind einfach überragend. 

 

Die Kehrseite: Ich habe gleichzeitig immer wieder erleben müssen, wie brutal Verletzungen sein können. Ich erinnere mich da insbesondere an das Jahr 2016. Ich erlitt einen Syndesmosebandriss zum schlechtest möglichen Zeitpunkt. Ich spielte in Wolfsburg, war Stammspielerin und habe alle Endspiele – Champion-League-Finale, DFB-Pokal-Finale, Meisterschaft – verpasst. Das war brutal, auch weil mir die neue Bundestrainerin Steffi Jones eine Einladung zur Nationalmannschaft zugesagt hatte. 

 

Natürlich gab es auch andere bittere Rückschläge. Besonders der Ausgang der Bundesliga-Saison 2009 mit dem FC Bayern schmerzt bis heute. Wir wurden Vizemeister – uns hat dabei ein Tor zum Titel gefehlt. Das war wohl das einzige Mal, dass ich am nächsten Tag aufgewacht bin und nicht aus dem Bett kam. Da war ich mental einfach fertig. Dass wir das letzte Spiel nicht mit einem weiteren Tor für uns entscheiden konnten, verfolgt mich bis heute.  

Wir haben Nachholbedarf

Zu meinem Blick zurück gehört es aber auch, die Entwicklung des Frauenfußballs in all den Jahren meiner aktiven Laufbahn zu reflektieren. Erfreulich ist: Er hat sich strukturell wahnsinnig entwickelt. Wir haben zwischenzeitlich auf Lehrgängen beim DFB ein tolles Gerüst von Schule und Fußball, auf das die Mädchen zurückgreifen können. Im Mädchenfußball auf Vereinsebene sind die Rahmenbedingungen allerdings noch nicht mit denen der Jungs vergleichbar. Hier sind die Entwicklungswege der Spielerinnen noch völlig unterschiedlich. Beispielsweise gibt es kein Nachwuchs-Leistungs-Zentrum als Standard. Aber gleichzeitig sehen wir, dass der Zugang für talentierte Fußballerinnen zu NLZ der Jungs besser wird. Auch weil die Menschen erkennen, dass talentierte Mädchen mit Jungs mithalten können. Das wäre früher undenkbar gewesen und zeigt, dass wir tolle Talente nach oben bringen, wenn wir sie gezielt fördern. Unsere U17 hat ein riesiges Potenzial und ich bin sicher, dass wir mit diesem Talent perspektivisch wieder in der Weltspitze mitspielen können. 

 

Fußballerisch müssen wir uns in Deutschland also nicht verstecken, aber was die Medienarbeit, das Marketing und damit auch die Bedeutung des Frauenfußballs angeht, haben wir großen Nachholbedarf. Gerade aus England nehme ich hier ganz viel mit. Dort spielt der Frauen-Fußball eine viel größere Rolle - auch in der Gesellschaft. Und auch andere Nationen wie Spanien sowie Frankreich und Italien holen mächtig auf. 

 

Ich will in diesem Zusammenhang ins Gedächtnis rufen, dass wir in Deutschland schon einmal gezeigt haben, wie es gehen kann. Bei der Heim-WM 2011 kannte fast jeder Sportinteressierte fünf bis zehn Nationalspielerinnen mit Namen. Fußballerinnen waren in den Medien, auf Plakaten, in der Werbung – ich erinnere mich beispielsweise an Lira Bajramaj (jetzt Alushi), die in der Nike-TV-Werbung zu sehen war. Wir müssen wieder an diesen Punkt kommen: Man muss die Nationalspielerinnen durch Berichterstattung, durch Marketing und schlagkräftige Kampagnen wieder stärker in die Öffentlichkeit bringen. Wir brauchen Zugpferde, Vorbilder, Persönlichkeiten, die andere mitziehen. Und das können wir insbesondere von England lernen. Dort stehen Spielerinnen für etwas – man kennt ihre Geschichte, auch private Dinge, man verbindet etwas mit ihnen. Und sie werden eben auch auf gesellschaftliche Events eingeladen, beispielsweise bei der königlichen Familie oder nach Wimbledon. Darüber hinaus werden alle Spiele im TV übertragen, es wird toller Content produziert und die Verantwortlichen schaffen es, das Thema Frauenfußball attraktiv zu machen. Laura Vetterlein hat sich in einem anderen Blog sehr intensiv damit beschäftigt. Da müssen wir hin.

Der Fußball hat mir viel gegeben

Eine zentrale Botschaft möchte ich allen jungen Spielerinnen mitgeben: Egal, wo ich gespielt habe, war es immer mein Anspruch, mich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln. So habe ich in London nebenbei ein Praktikum in einer Reha-Einrichtung in der Innenstadt absolviert. Ich bin zweimal die Woche morgens um fünf Uhr in die U-Bahn gestiegen, um in der Praxis zu lernen. Beim Training wiederum habe ich genau beobachtet, wie die Manager in England arbeiten, wie sie mit ihren Spielerinnen umgehen. Und ich habe die kulturellen Unterschiede zu Deutschland erfahren. Beispielsweise hatte ich das Gefühl, dass der mannschaftliche Zusammenhalt oder die Freude für andere bei Erfolgen in England extrem groß war. Man tritt sehr geschlossen auf und steht füreinander ein. Das sind die Dinge, die du fürs Leben mitnimmst - und die bleiben. 

 

Darüber hinaus sehe ich heute, dass ich auch in meinem Alltagsleben widerstandsfähiger geworden bin. Im Fußball hast du immer dieses kompetitive Element. Es ist bei mir in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich immer das Beste aus mir rausholen will – ohne dabei zu verkrampfen. Diesen positiven Spirit, diesen Ehrgeiz möchte ich behalten und weitergeben – in anderer Funktion und mit anderen Zielsetzungen. 

 

Ich habe mir fest vorgenommen, dazu beizutragen, den Frauenfußball in Deutschland zu stärken. Ich betreue die U17-Nationalmannschaft und möchte natürlich die beste Trainerin werden, die ich sein kann. Darüber hinaus bin ich Leiterin einer Nachwuchs-Akademie, die sich zum Ziel gemacht hat, jungen Mädchen Chancen zu geben, die vielleicht sonst keinen Zugang zum Sport hätten. Dafür habe ich eine sehr hohe Leidenschaft entwickelt. Ich habe also einerseits den Leistungsgedanken beim DFB und der DFB-Akademie und auf der anderen Seite ein Projekt, bei dem es erstmal darum geht, eine Infrastruktur auf- und kulturelle Hindernisse abzubauen. 

 

Ich kann etwas zurückgeben – und möchte dabei nicht nur an die Karriere einer potenziellen A-Nationalspielerin denken, sondern mir auch darüber Gedanken machen, wie ein Mädchen aus einem anderen kulturellen Umfeld über den Sport integriert werden kann. Ich will mich in beiden Bereichen ausprobieren, mich finden und mit Play for Her mein Wissen an andere Spielerinnen und Interessierte weitergeben. 

Ich bin als Mensch gereift

Wenn ich heute alle Erfahrungen Revue passieren lasse, habe ich aber ein großes Lächeln im Gesicht. Ich realisiere, dass mir der Fußball am Ende unfassbar viel gegeben hat. Vor allem ist in mir die Erkenntnis gereift, dass ich mich als Mensch noch stärker entwickelt habe, als als Fußballerin. Ich konnte viele Länder kennen lernen, habe in London und Mailand gespielt. Das prägt. 

 

Ich habe es immer als riesiges Privileg empfunden, Fußballerin sein zu dürfen. Das war bei meinem ersten Vertrag im Alter von 16 Jahren der Fall und so sehe ich das bis heute. Es war mein Job, aber es hat sich nie angefühlt wie Arbeit. Und der Fußball ist für mich auch nicht nur ein Sport. Er ist mein Leben. 

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